„Und dann kippt es plötzlich“

publiziert auf saechsische.de am 25. Januar 2021

Die Hälfte der Patienten und Patientinnen auf der Dresdner Intensivstation für besonders schwere Coronafälle stirbt.  Franziska Klemenz schreibt über eine Pflegerin, eine Therapeutin, den Arzt und den pflegerischen Leiter, Menschen, die täglich kaum vorstellbare Anspannungen aushalten.

Jeder Absatz ihrer Reportage ist sorgfältig recherchiert und präzise beobachtet. Trotz der hohen Anspannung gewinnt Franziska Klemenz die Mitglieder des Teams, über ihre Erfahrungen und Gefühle zu sprechen, über die Sorge, einen Patienten nach 16 Stunden Bauchlage umzudrehen, um dann „zu sehen, dass die Pupillen weit sind“. Allein das ist eine besondere Leistung und zeigt ihre Fähigkeit, sich einzufühlen und trotzdem Distanz zu wahren. Denn das Team wird die Anwesenheit einer Reporterin während ihrer Arbeit als zusätzliche Belastung empfunden haben.

Franziska Klemenz sieht genau hin und findet treffende und angemessene Worte. Sie beschreibt, wie „dunkelrotes Blut aus der Vene des Mannes durch einen zeigefingerdicken Schlauch in den Kasten strömt“ und als „hellrotes in seinen Hals zurück fliesst“. Sie schildert, wie aus „der Nase der Ohnmächtigen ein Blutschwall auf das Kissen rutscht“, und der Arzt erklärt, dass es „unwahrscheinlich“ sei, „dass die Frau es schaffen wird“.

Die Reporterin vermeidet jedes Pathos und jede Anwandlung von Betroffenheit. Das ist entscheidend für einen Text, in dem der Tod stets so gegenwärtig ist wie sonst nur bei Kriegsreportagen. Franziska Klemenz konzentriert sich auf ausgewählte Situationen und erliegt nicht der Versuchung, sich in den Details des Schreckens zu verlieren. Sie findet eine Dramaturgie, mit der sie – fast wie in einem Film – Leserinnen und Leser durch diese Intensivstation hindurchführt. Sie zeigt ihnen, wie „ein Kuschelhund und eine Mickymaus Betten entlang des Korridors bewachen“ und macht sie auf den „weissen Schopf“ aufmerksam, der „aus einer Decke ragt, die sich bläht“, weil „ein Rohr warme Luft“ unter die Decke bläst. Sie erklärt verständlich die Gründe dafür.

Franziska Klemenz ist mit ihrer Reportage ein zeitgeschichtliches Dokument für eine der größten Katastrophen der Gegenwart gelungen.

Foto: Ronald Bonss

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Franziska Klemenz

Redakteurin, Sächsische Zeitung