„Riskante Dosis“

publiziert auf buzzfeed.de am 16. Dezember 2020

Eine Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten besteht darin, Missstände aufzudecken. Wenn es wie in diesem Fall um einen medizinischen Missstand geht, dann kann eine Recherche wie die von Katrin Langhans und ihren Co-Rechercheurinnen Eva Achinger und Ann-Kathrin Wetter auch lebensrettend sein. Die Autorinnen sind dem Skandal nachgegangen, dass Ärzte Cytotec in der Geburtshilfe einsetzen und riskant dosieren, obwohl das Medikament dafür nicht zugelassen ist und es Alternativen gibt. Mit fatalen Folgen: Bei einigen Kindern ist es Gutachten, Gerichtsakten und Experten zufolge durch kurzzeitigen Sauerstoff-Mangel zu schweren Hirn- und damit Folgeschäden gekommen. Eine Mutter verstarb nach der Geburt ihres Sohnes, ein Gutachter kommt zu dem Schluss,„dass dieser bedauerliche mütterliche Todesfall verbunden mit dem kindlichen Geburtsschaden durch die ärztliche Geburtseinleitung mit Cytotec verursacht war“. Das Medikament sei zu hoch dosiert gewesen, man habe die Frau schlecht überwacht und zu spät reagiert. Im Nachgang an die Veröffentlichung der Recherche meldeten Betroffene dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte acht weitere kindliche und mütterliche Todesfälle, weil sie vermuten, dass es einen Zusammenhang mit der Anwendung der Tablette Cytotec gibt.

Am Fall eines schwer geschädigten Jungen, der die Folgen der medizinischen Fehlentscheidung wohl ein Leben lang tragen muss, gehen die Autorinnen in akribischer Kleinarbeit dem Fall nach. Dabei sind sie auf mehr als nur ein paar missbräuchliche Verwendungen der Pille gestoßen. Und man fragt sich fassungslos: Wie kann es sein, dass ein eigentlich als Magenschutzmittel zugelassenes Medikament nur weil es auch wehen-treibende Wirkung entfaltet, ohne ausreichende Erforschung der sicheren Dosierung bei der Geburtshilfe zum Einsatz kommt – obwohl amerikanische und andere Gesundheitsbehörden seit langem vor seltenen schweren Nebenwirkungen warnen und sogar der deutsche Hersteller es in Deutschland längst aus dem Vertrieb genommen hat.

Die Autorinnen haben in beeindruckender Weise mehrere Fälle von geschädigten Kleinkindern auf der ganzen Welt recherchiert. Sie sind Klagen von Eltern nachgegangen, haben sich intensiv mit Gerichtsurteilen dazu beschäftigt und haben versucht herauszufinden, warum noch immer von so vielen deutschen Ärzten Cytotec scheinbar unbeschwert verwendet wird. Man liest von Zeile zu Zeile mit wachsendem Unverständnis, wie es geschehen konnte und noch immer geschieht. Spannend, aber sprachlich unaufgeregt wird die Recherche entfaltet. Katrin Langhans wählt dabei eine klare, verständliche Sprache, sie verzichtet auf übertriebene Sentimentalität auch bei der Schilderung der menschlichen Tragödie in manchen betroffenen Familien.

Am Ende sind die Autorin und ihre beiden Co-Autorinnen bei ihren Recherchen auf viele Fälle auch in Deutschland gestoßen, die nicht einmal der zuständigen Überwachungsbehörde, dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte bekannt waren. Entstanden ist eine preiswürdige Recherche-Leistung, die – wenn sie ernst genommen wird – Leben retten kann.

Foto: Sebastian Kahnert/dpa (Montage)

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Katrin Langhans

Journalistin, Ippen Investigativ, ehemals Süddeutsche Zeitung, BuzzFeed News Deutschland

Eva Achinger

Journalistin, Bayerischer Rundfunk

Ann-Kathrin Wetter

Journalistin, Bayerischer Rundfunk