„Das Geschäft mit der Wohnungsnot“

publiziert in der Mainpost am 31. März 2022

Missstände, Angst, Betrug und möglicherweise ein Millionenschaden. Galoppierende Mietpreise sind ein Problem, das sich in vielen deutschen Städten zuspitzt. Die Berechnung von Miet- und Nebenkosten sind kompliziert und für Mieterinnen und Mieter ohne Hilfe schwer zu durchschauen. Ein Umstand, der es Betrügern leicht macht – insbesondre gegenüber Jobcentern und Sozialämter, die die Mieten für Menschen in der Grundsicherung übernehmen.

Einem Betrug in großem Stil ist Ruben Schaar auf die Schliche gekommen. Ein Würzburger Vermieter, Besitzer von 14 Häusern, hatte dem Jobcenter offenbar mehrfach zu hohe Quadratmeterzahlen von Wohnungen mitgeteilt – in Einzelfällen bis zu dreifach. Ein Mietenbetrug, der sich als Sozialbetrug im großen Stil herausstellt. Ruben Schaar geht ersten Hinweisen an die Main-Post nach, spricht mit rund 40 Mieterinnen und Mietern, sieht Unterlagen ein, überprüft Abrechnungen und deckt Schritt für Schritt ein betrügerisches System auf. Zugleich weist der Autor nach, dass dem Jobcenter mehreren Hinweise auf den Betrug nicht nachging.

Zugleich haben die Mieter aus gesellschaftlichen Randbereichen Angst, ihre Wohnungen zu verlieren. Gezielt nutzt der Vermieter ihre Not auf dem überhitzten Würzburger Wohnungsmarkt aus. Ruben Schaar muss bei seinen Recherchen mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Er beleuchtet das lukrative Geschäft mit der Wohnungsnot von allen Seiten und berichtet von Ohnmacht und Abhängigkeiten. Er klopft an Türen und wenn ihm geöffnet wird, erfährt er von zerstückelten Wohnungen, defekten Heizungen, tropfenden Decken, von Schimmel. Und niemand kümmert sich darum.

Ohne die akribische und hartnäckige Arbeit des Reporters wäre ein Betrug, dessen Schaden in die Million reicht, nicht aufgedeckt worden. Eine Betrugsmasche, wie sie in jeder Großstadt vorkommt, aber nur selten aufgedeckt wird. Ein Musterbeispiel dafür, wie Lokalzeitungen ihre Wächterfunktion wahrnehmen.

Foto: Daniel Peter (Beitrag), Deutschen Journalistenschule München (Portrait)

Ruben Schaar

Freier Journalist und investigativer Reporter